Oder: Warum unsere Vorlieben nicht im Einklang mit unseren Werten stehen müssen
“Ist es miteinander vereinbar, eine Feministin zu sein und gleichzeitig in Sessions als Sub zu dienen?”
Diese Frage wurde mir als Hörerfrage zum Podcast "Bondage für die Ohren" (Spotify) via WhatsApp eingereicht und sie ist tatsächlich eine häufige und so berechtigte Frage.
Daher möchte ich gerne einmal darauf eingehen und dir vielleicht ein paar interessante Impulse dazu mitgeben. Die kurze Antwort schon mal vorweg: Ja, du kannst Feministen sein und gleichzeitig die submissive Seite genießen - aber unter einer Bedingung.

1. Warum diese Frage auch dich betrifft
Die Frage ist bei ganz vielen Menschen in der ein oder anderen Form ein Thema und bezieht sich keinesfalls nur auf den Feminismus, sondern auf dein ganzes Selbstbild. Sie ist Ausdruck von Bedenken und Ängsten, wie z.B. der Sorge...
- ...als schwach / unselbstständig / abhängig wahrgenommen zu werden
- ...die Gleichberechtigung in der Beziehung zu gefährden oder dauerhaft neu verhandeln zu müssen
- ...dem Gegenüber (oft einem Mann) ungewollt “Beweise” für eine vermeintliche “wahre Natur” (der dienenden und submissiven Frau) zu liefern und antiquierte Rollenbilder unabsichtlich damit zu befürworten
- ...sich selbst und seine Werte und Überzeugungen zu verraten
- ...dem eigenen Selbstbild nicht mehr zu entsprechen (“Wer bin ich, wenn ich diene?”, “Bin ich dann noch die Starke?”)
Die Frage ist daher wirklich tiefgehend und total berechtigt. Sie betrifft übrigens keineswegs nur heterosexuelle Konstellationen, sondern kann in ähnlicher Form auch ein Spannungsfeld von submissiven Männern oder Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen sein, z.B.
“Verändert es meine Beziehung,, wenn ich vor meinem Gegenüber submissiv bin?”
“Werde ich mir selbst und meinen Werten untreu?”
“Bin ich nach einer Session als Sub überhaupt noch glaubhaft, wenn ich Gleichberechtigung und Autonomie verlange?”

2. BDSM und das Mißverständnis mit der Macht
2.1 Warum dir der Feminismus nicht im Weg steht
Feminismus bedeutet nicht: „Frauen müssen immer dominant, stark und unabhängig sein.“ Sondern Feminismus bedeutet vor allem Selbstbestimmung (über den eigenen Körper, die eigene Sexualität, das eigene Leben, die Identität und Entscheidungen) und gleiche Rechte von Mann und Frau. Der Feminismus lehnt die erzwungene und gesellschaftlich viel zu oft tolerierte Unterordnung der Frau unter den Mann ab - aber nicht die freiwillige.
Wenn du dich also aus freien Stücken, aus Lust, Neugier oder Freude für eine submissive Rolle innerhalb einer BDSM Session entscheidest, widerspricht das weder einer gesunden Selbstachtung noch feministischen Werten - solange diese Entscheidung ohne Druck und ohne Konsequenzen für dein reales Leben möglich ist.
2.2 BDSM ist dein Schutz - wenn du es richtig machst
Das Bild, was viele im Kopf haben, ist häufig ein Mann, der über eine meist nackte Frau plötzlich schier unendliche Macht hat. Und so eine Situation ist tatsächlich gefährlich für den Feminismus. Aber nicht, wenn man das Bild im Kontext von BDSM sieht. Denn BDSM ist dein Schutzschild, ein Puffer zwischen Realität und Fantasie und ein sicherer Rahmen für das spielerische Erforschen alternativer Rollen - und Machtverteilungen.
Wenn du eine Hand voll Regeln beachtest und ein bewusstes Gegenüber zum Spielen hast, hast du mit BDSM ein sicheres Arbeitsfeld geschaffen, in dem man auch für eine gewisse Zeit seine Werte und Normen des Alltags-Ichs außer Acht lassen darf.
Folgende Regeln machen BDSM zu einem sicheren Rahmen:
- Es ist ein Spiel. Nicht die Realität.
- Es gibt keine Konsequenzen (wie z.B. Strafen) für das Alltagsleben
- Die Session haben einen klaren Beginn und ein Ende
- Beide Partner gehen mit ihrer Spielpersönlichkeit in die Session - nicht mit ihrer Beziehungs-Persona
- Der Sinn und Zweck ist Lustgewinn und Spaß
- Du stimmst den Handlungen, der Dynamik und dem Spiel mit deinem Konsens zu und kannst diesen auch jederzeit zurückziehen
BDSM arbeitet mit einer künstlich erzeugten Machtdynamik. Diese Macht wird durch die Sub verliehen und durch den Dom gehalten und verstärkt. Das ist der Unterschied zum Alltag, wo insbesondere weibliche Passivität (ohne BDSM Kontext) häufig ausgenutzt und ausgebeutet werden kann.
Tipp 1: Achte auf die saubere Trennung zwischen Spiel und Alltag. Strafen im BDSM bleiben immer im erotischen Kontext. Alltagsprobleme werden niemals in einer BDSM-Session verhandelt.
Tipp 2: Arbeite niemals (!) in einer BDSM-Session mit deinem echten (Beziehungs- & Alltags-) Namen. Du nimmst immer für diese Zeit einen anderen Namen an, wie z.B. “Sub A” (sehr anonym und leer), meinetwegen “Fickstück” oder “Sklavin Natascha” - such dir was aus. Das schützt deine Beziehungspersönlichkeit und gibt dir paradoxerweise viel mehr Freiheit, deine submissive Rolle zu erleben.
2.3 Wir müssen über Macht reden
Eines der häufigsten Mißverständnisse im BDSM liegt bei dem Thema Macht. Sie wird oft pauschal als etwas Negatives und Bedrohliches verstanden. Dabei ist Macht an sich etwas neutrales - ohne Macht, also ohne dass jemand in der Gesellschaft mehr Sagen hat als andere, würde gar nichts funktionieren und unser Alltag wäre unendlich kompliziert und mühsam.
Das, was viele mit Macht verwechseln, ist Machtmissbrauch. Genauer: Ausbeutung, Zwang und Unterdrückung. Macht selbst fällt selten auf - Machtmissbrauch aber sehr wohl. Und so kommt unser negatives Konzept von Macht zustande und hindert Menschen daran, im sexuellen Kontext bewusst in starke Machtdynamiken hineinzugehen.
Ich möchte dich einmal dazu einladen, ein wenig über das Thema Macht zu philosophieren. Es gibt nämlich einen gewaltigen Unterschied zwischen Macht im Alltag und Macht als Werkzeug des BDSM. Vor dem einen müssen wir auf der Hut sein - das andere aber schenkt uns mehr Lust und entspannt unsere eh schon überlasteten Gehirne.
Im BDSM wird Macht bewusst verliehen, klar begrenzt und dem übergeordneten Ziel von Lust und Freude unterstellt. Diese spielerische Macht unterscheidet sich fundamental von struktureller Macht, die Menschen oft schadet, wenn sie missbraucht wird. Wer das vermischt, missversteht den Kern von BDSM - und auch den Kern feministischer Kritik.
Wir halten also fest: strukturelle, oft unsichtbare Macht in der Gesellschaft kann eine echte Gefahr für den Feminismus sein. Macht in einer Session (z.B. verleihen wir einer Person sehr viel Macht über uns, wenn wir ihr gegenüber submissiv sind) hingegen, kann etwas sehr Aufregendes, entspannendes und sexuell hoch reizvolles sein.
Halte dich aber an die Regeln - Macht muss immer der Lust dienen:
- Konsens (kann jederzeit zurückgezogen werden)
- Grenzen setzen und "Nein" sagen (dürfen und müssen)
- Zeitlich begrenzte Sessions
- Alternatives, sexuelles Selbst mit Deckname für mehr Freiheit
- Feedback geben
3. Das Missverständnis über Subs
Was denkst du über Subs? Wer bist du, wenn du dienst?
Eines der hartnäckigsten Vorurteile, worauf schon viele Doms reingefallen sind, ist, dass Subs schwach sind, keine eigenen Entscheidungen treffen könnten oder unfähig wären, Verantwortung zu übernehmen. Aber das Gegenteil ist oft der Fall. Bedenke:
- Subs riskieren in einer Session ihre psychische, emotionale und körperliche Sicherheit - ein Dom riskiert hingegen nur, sich den Finger im Seil zu klemmen. Betrachten wir das Risiko, sind Subs um ein Vielfaches stärker.
- Das, was Subs aushalten und uns an Vertrauen entgegenbringen, würden viele Doms niemals ertragen - nicht für eine Minute.
- Von einem Sub sehen wir oft nur einen winzigen Anteil seiner Gesamtpersönlichkeit und vergessen leicht, dass es nur ein kleiner Ausschnitt ist und wir das ganze Bild niemals komplett einsehen könnten.
- Oft generieren Subs mit der Menge an BDSM-Erfahrungen ein erhebliches Maß an Selbstbewusstsein. Nicht selten sind sie mutiger und stehen mehr für sich ein, da sie gelernt haben Grenzen zu setzen und wissen, was sie aushalten können.
Submissivität kann den Charakter stärken und die meisten Subs sind Menschen, die eh schon viel aushalten können und im Leben oft die Zähne zusammenbeißen mussten, aber nie in ihrer Kraft Anerkennung finden durften.
Subs sind das Gegenteil von schwach. Wer bewusst dient und in Submission geht, der geht über Grenzen und wächst über sich hinaus. Die vielen positiven und bestärkenden Effekte auf die Psyche sind aber leider noch viel zu wenige erforscht.
3.1 Du dienst nicht - aber dein sexuelles Selbst tut es
Ein wie ich finde äußerst hilfreicher Blickwinkel ist die sogenannte Anteile-Theorie, die ich schon häufiger erwähnt habe. Nach dieser Theorie bestehen wir nicht nur aus einer einzigen Identität, sondern haben verschiedene Anteile für die verschiedenen Lebensbereiche. So sind wir eine etwas andere Person, wenn wir unsere Familie besuchen, als wenn wir Einkaufen gehen oder mit Freunden Zeit verbringen.
Und der Anteil, der Lust auf Submission hat, ist vielleicht ein sehr neugieriger und verspielter Anteil - vielleicht ein sexuelles Selbst, der sich wünscht, sich und seine Bedürfnisse ausleben zu dürfen und nicht zwangsläufig mit den Werten der anderen Anteile (z.B. denen die Lebensentscheidungen treffen) übereinstimmen muss.
Wenn du diesem Anteil einen sicheren Rahmen zur Verfügung stellst, kann er sich ausleben und erfahren - ganz ohne negative Konsequenzen für die Gesamtpersönlichkeit zu befürchten. Wenn du davon ausgehst, dass du eine Gesamtpersönlichkeit hast, aber ein Teil davon ein Sexuelles Selbst ist, welches total Bock auf Submission hat, kannst du vielleicht auch eher verstehen, warum wir manchmal in anderen Kontexten andere Prioritäten setzen als sonst.
Gleichzeitig gibt die Anteile-Theorie auch ganz viel Freiheit und Erlaubnis. Submissiv ist nur ein Anteil von dir - nicht du als Beziehungspersona, dein Berufs-Ich oder der Teil in dir, der wichtige Lebensentscheidungen trifft.
3.2 Warum Geilheit kein Beweis für irgendwas ist
Manche Menschen - insbesondere Frauen - tragen die Sorge in sich, dass ihr Gefallen an der submissiven Rolle als vermeintlicher Beweis für “ihre wahre Natur” verstanden werden könnte. Sie haben Angst, dass ihr Körper sie verrät und das Gegenüber sie missversteht - als wenn sie der Lüge überführt werden würden. Aber Erregung und Geilheit sind keine “Geständnisse” - das ist kompletter Unfug.
Nur weil dir die Submission Lust macht und dein Körper reagiert, bedeutet das nicht, dass es auch deinen Werten entspricht und deine Identität definiert. Genuss am Dienen ist kein Beweis und submissive Fantasien sind kein Geständnis. Was dich erregt, sagt wenig über deinen Charakter aus. Denn:
- Es ist nur einer von vielen Anteilen deiner Gesamtpersönlichkeit
- Sexuelle Fantasien sind bei den meisten Menschen weder politisch korrekt noch entsprechen sie ihren sonstigen Wertvorstellungen oder haben handlungsweisenden Charakter
- BDSM bietet dir einen sicheren Experimentierrahmen, in dem Fantasien zum Teil ausgelebt werden können - ohne reale Konsequenzen. Genau das ist die Stärke des BDSMs.
- Je mehr du von deinen erotischen Fantasien Preis gibst, desto mehr bedeutet das auch, dass du deinem Gegenüber vertraust und dich sicher mit ihm fühlst
- Nur weil du von Zeit zu Zeit Freude an der Submission hast, wirst du nicht gleich zu einem submissiven Menschen, dem Frauenrechte egal sind - das macht kein Sinn
- Sexuelle Erregung kommt nicht daher, dass wir etwas total logisch oder moralisch einwandfrei finden. Sexuelle Erregung unterliegt gänzlich anderen Regeln, die nur wenig mit Verstand und Logik des Präfrontalen Cortex zu tun haben. Es ist Emotional, Primitiver, Bildlicher, Körperlicher und viel direkter - zum Glück.

Also bitte schämt euch niemals dafür, Genuss am Sexuellen zu haben - solange es niemandem schadet. Sie sagt nichts über eure Werte, politischen Haltungen oder dein Selbstwert aus. Sie ist hingegen aber ein Zeichen von Experimentierfreude, Vertrauen und Neugier, alternative Erfahrungen machen zu dürfen.
4. Fazit
Feminismus und submissive Rollen sind sehr wohl in Einklang zu bringen. Aber nur, wenn:
- du in das Setting reingehst, weil du Bock drauf hast
- du von niemandem gedrängt wirst
- es keine negativen Konsequenzen für dich im Alltag gibt
- du ein Gegenüber hast, dem du Vertrauen kannst und der dich in deiner ganzen Persönlichkeit kennt und begreift
- ihr ein paar Regeln für sicheres BDSM befolgt
Sich bewusst für Freude zu entscheiden, ist keine Schwäche. Es ist ein Akt der Selbstbestimmung, der Selbstliebe und eine Einladung, mehr Lust mit dem Partner zusammen zu spüren.

