Über Porn, Grenzen und Leiden im BDSM

    Viele Menschen kommen mit Bondage und BDSM zum ersten Mal über Bilder oder Videos im Internet in Kontakt. Und ganz ehrlich: Das, was sie dort sehen, hat oft wenig mit dem zu tun, was sie sich eigentlich wünschen. Die Inhalte sind oft viel zu hart, können überfordern und sind sehr schmerzfokussiert. Dynamiken, die eher abschrecken als neugierig machen und vor allem: viele Fragen aufwerfen können:

    Wie kann das noch Konsens sein, wenn jemand offensichtlich leidet? Und: 

    Muss man im BDSM wirklich etwas aushalten, um „richtig“ dabei zu sein?

    Viele spüren sehr klar: So will ich das nicht. Und gleichzeitig bleibt ein Knoten im Kopf zurück, weil scheinbar genau das überall gezeigt wird. Diese Diskrepanz ist kein Zufall.
    Und sie führt dazu, dass viele Menschen entweder komplett Abstand nehmen oder mit völlig falschen Erwartungen in das Thema einsteigen. In diesem Artikel räume ich genau damit auf. 

     

     

    Du kannst die Folge auch auf Spotify und Apple Podcast finden ("Bondage für die Ohren") 

     

    1. Warum Schmerz nicht gleich Schmerz ist

     

    Ein Punkt ist mir besonders wichtig: Wir müssen echten Schmerz von dem unterscheiden, was im BDSM als Schmerz erlebt wird. Ich nenne es immer „roter“ und „grüner“ Schmerz. Echter Schmerz außerhalb vom BDSM (rot) ist immer ein Warnsignal und die Reaktion unseres Körpers auf Verletzung, Gefahr oder Krankheit. Der - grüne - Schmerz im BDSM hingegen ist immer kontrolliert und bewusst verursacht. Er hat einen klaren Anfang und ein klares Ende, ist jederzeit abbrechbar und durchgehend von einer verbalen und nonverbalen Kommunikation der Akteure miteinander begleitet. Schmerz im BDSM - oder wie ich es gerne nenne: „zelebriertes Leid“ - dient immer einem übergeordneten Ziel, dem Spiel selbst oder der Veränderung der neurochemischen Zustände im Gehirn, die zu Ekstase und Lust führen können (Endorphine, Dopamine, Oxytocin, etc.). 

    Von außen betrachtet kann so eine Szene gefährlich aussehen - die Intention dahinter ist jedoch völlig verschieden. Der Rahmen ist sicher und zuvor vereinbart und bewusst betreten. Nichts am professionellen BDSM ist vergleichbar mit einer echten Bedrohung, Gewalt oder „rotem“ - also unkontrollierten - Schmerz. 

     

     

    👉 Podcast-Folge auf Spotify (Bondage für die Ohren): "Das Spiel mit Lust und Schmerz"

     

    2. Das, was das Internet zeigt…

     

    Viele Menschen kommen mit BDSM und Bondage über Videos im Internet in Kontakt. Und genau da beginnt oft die Verwirrung. Das Internet zeigt uns Extreme und Repliziert dass, was Aufmerksamkeit erregt und gut geklickt wird. Gut geklickt wird aber nicht Authentizität und feine Nuancen, sondern das Spektakuläre und einfach zu verstehende. 

    Warum dass, was man im Internet sieht, die Realität verzerrt: 

    • Vergiss nicht, dass es sich meist um Profis handelt, die dafür bezahlt werden, dass sie die Klick-raten erhöhen. Heißt: Sie werden dafür bezahlt, krasse Emotionen und starke Reaktionen zu liefern, die authentisch aussehen. 
    • Auch die Doms an BDSM-Porn-Sets sind professioneller als man glaubt. Hier wird viel vorab und währenddessen kommuniziert, was nicht unbedingt als Videomaterial im fertigen Film landet. 
    • BDSM-Sessions ohne Publikum und ohne Kamera verlaufen oft gänzlich anders als wenn die Akteure wissen, dass sie gefilmt werden. Manche Menschen genießen die Aufmerksamkeit und performen dann für das Publikum extra stark. 
    • Härtere Inhalte bekommen mehr Aufmerksamkeit. 
    • Die Arbeit mit Schmerz im Hardcore-Porn ist gut szenisch umzusetzen und liefert garantierte Highlights. 

    Das bedeutet: Nicht alles ist fake, aber es wird sehr viel betont dargestellt und im Sinne des Formats abgeliefert. Du siehst im Internet selten echte und authentische Sessions mit Intimität, Verbindung und Tiefgang - sondern vielmehr auf Klickraten zugeschnittene Abläufe. Das ist in Ordnung und dient dem Zweck, sollte aber für uns niemals zu einem unreflektierten 1:1 Drehbuch werden. 

     

    3. Schmerz ist nur eine von vielen Komponenten im BDSM

     

    Was oft aus dem Konsum von Hardcore-Porn entsteht, ist die Idee, dass BDSM festgelegt sei, z.B. Auf Nacktheit, starke Emotionen und Schmerz. Und das ist schlichtweg falsch. Du kannst super viel Erleben - ganz ohne das zelebrierte Leid und intensive Körpererfahrungen. Dazu können gehören: 

    Leider sieht man genau das eher seltener im Internet - es lässt sich schlechter filmen und verkaufen.

     

    4. Dein „Container“ bestimmt alles

     

    Jeder Mensch hat eine individuelle Kapazität, bestimmte Zustände auszuhalten oder überhaupt erleben zu wollen. Das nennt man „Containment“. Für manche Menschen ist z.B. Der Container für das Spiel mit Schmerz sehr groß - und bei anderen sehr klein. Die Containergröße definiert dann auch deine jeweilige Grenze. Denn: Ist der Container zu voll, droht eine emotionale Überflutung und die Dysregulation deines Nervensystems. Andersherum kann es zu Langeweile führen, wenn jemand einen sehr großen Container für eine Spielart hat (z.B. Ausgeliefert sein, Enge, etc.), aber dieser Container in der Session so gar nicht befüllt wird. Was du über Containment wissen darfst:

    • Die Kapazität eine bestimmte Emotion/Zustand auszuhalten ist nicht statisch. Sie variiert je nach Tagesform, Lebensabschnitt, Gegenüber, Setting, dem Wissen was rein kommt, dem Vertrauen, der Persönlichkeit, etc. 
    • Es kann sein, dass du für ein Feld einen sehr kleinen Container hast, aber für ein anderes Feld einen sehr großen bereitstellen willst
    • Die Größe des Containers hat auch viel damit zu tun, welche Größe du für den jeweiligen Zweck anbieten MÖCHTEST. Sie kann mit steigendem Vertrauen zum Gegenüber wachsen. 
    • Es ist vollkommen normal, dass man am Anfang seiner BDSM-Erfahrungen eher einen kleinen Container für viele Spielarten bereitstellen möchte, d.h. Die Grenzen sehr eng sind. 

     

     

    5. Wann es sich lohnt, die Grenzen zu erkunden

     

    Es gibt im BDSM und Bondage ganz unterschiedliche Grenzen, die man am Anfang des Spiels und Währenddessen festlegen kann. Diese sind z.B. 

    • Die Grenze der fehlenden Erfahrung („Ich kenne XY noch nicht und kann es nicht einschätzen“) 
    • Die Grenze der unguten emotionalen Verknüpfungen („Ich habe damit mal schlechte Erfahrungen gemacht“)
    • Die Grenze des uneinsehbaren Wins („Ich weiß nicht ob sich das lohnt/ich das toll finden würde“)
    • Die Grenze des fehlenden Vertrauens zum Gegenüber („Ich weiß nicht, ob ich dir dabei vertrauen möchte“) 
    • Die Grenze der körperlichen Bedenken („Ich möchte meinen Körper vor möglichen Spätfolgen schützen, die ich befürchte“) 
    • Etc.

    Grenzen sind grundsätzlich erstmal nichts, was überwunden werden muss oder sollte. Aber bei manchen Grenzen kann es sich lohnen, sie genauer zu erkunden. Das erfährst du ziemlich direkt von deinem Körper (nicht vom Kopf und nicht durch Denken!), der über sog. Körper-Marker mit dir kommuniziert: 

    Stell dir dafür einfach mal eine Szene vor, in der du über eine deiner Grenzen geführt wirst (eine, die du gerne erkunden möchtest) und spüre, wie dein Körper auf die Vorstellung reagiert. 

    Ein “Ja” kann sich ungefähr so anfühlen:

      • Neugierig & prickelnd
      • Vorfreude, Leichtigkeit & Lockere Muskelspannung
      • Verspielt & leichtes Lächeln
      • Der Körper geht eher nach vorne
      • Ein bisschen aufgeregt, aber nicht angespannt

    Ein “Nein” fühlt sich anders an:

      • Enge und Schwere
      • Muskelspannung, Kieferspanung
      • Der Körper will eher nach hinten, Rückzug
      • Druckgefühl 

    Übe, diese Körper-Marker wahrzunehmen. Sie geben uns wichtige Hinweise auf unser Nervensystem und Unterbewusstsein und können wertvolle und weise Entscheidungshilfen sein. 

     

    👉 Blogbeitrag zum Thema Körper-Marker: "Was du über Konsens noch nicht wusstest"

     

    6. Fazit

     

    BDSM ist soviel mehr als die Arbeit mit der Komponente Schmerz. Du musst nichts aushalten und ertragen, nur um gute BDSM -Sessions zu haben. Es ist kein Wettbewerb, nichts ist Festgelegt und Schmerz auszuhalten ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist nur eine von vielen Optionen und Spielmöglichkeiten. Auch deine Grenzen sollte niemals verhandelbar sein - außer du verhandelst mit dir selbst und vertraust auf die Weisheit deines Körpers, der dir gut und sicher kommunizieren kann, wie groß dein Containment für eine Sache wirklich ist. 

    Wenn du Fragen zum Thema hast oder mehr über BDSM und Bondage lernen möchtest, dann komm zu mir in die Ausbildung. Du kannst ganz regulär neben oder anstelle der Fesseltrainings, BDSM-Coachings bei mir buchen. Ich freue ich sehr, wenn ich dich begleiten darf. 

     

    👉 Komm zu mir ins Personal Training und lerne Fesseln, Vertiefe dein Wissen oder erfahre mehr über BDSM (Link zu Berlinropes.de)

     

    Exklusive Bondage-Tipps direkt in dein Postfach

    Trage hier deinen Namen und deine E-Mailadresse ein und erhalte regelmäßig exklusive Shibari-Tipps, Hintergrundwissen und Inspirationen für deine Fesselkunst. Bestätige deine Mailadresse (du bekommst eine E-Mail zur Bestätigung) und du erhältst die nächste Fesselpost :-)

    Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.